Corona-Proteste in Dingolfing am 24.10.2020

AfD-Bundestagsabgeordneter referiert für Neonazi-Orga-Team. Auch mit dabei waren der Passauer Dr. Ronald Weikl (MWGFD e.V.) und querdenken-871 (Landshut)

An den Protesten gegen Maskenpflicht beteiligten sich am 24.10. in Dingolfing etwa 150-200 Besucher:innen rund um das Team von extrem rechten bis neonazistischen Demo-Organisator:innen und -Referent:innen. Offiziell organisiert wurde die rund zweistündige Kundgebung auf dem Marienplatz von der „Bewegung für Freiheit und Wandel Plattling”, bei welcher es sich lediglich um eines der zahlreichen Labels bzw. Facebookseitentitel der Deggendorfer „Corona Rebellen“ handelt (weitere Namen: Corona Rebellen Deggendorf; Bewegung für Freiheit und Wandel in Plattling; Freiheit für Bayern; Anti-Corona-Kundgebung Deggendorf). Die sich dahinter verbergende “Corona Rebellen”-Gruppe aus Deggendorf, die sich großenteils aus langjährigen Neonazikadern-/ und -Aktivist:innen generiert und deren Veranstaltungen (wohl deshalb) inzwischen im Kontext verschiedener Analysen und Medienberichte und sogar von den bayerischen Sicherheitsbehörden klar als Versammlungen aus Reihen der extremen Rechten eingeordnet wurden, scheint im Milieu der „Corona Rebellen“ auf große Akzeptanz und Kooperationswillen ohne jede Berührungsängste zu stoßen.

Organisation und Demoredner:innen der Dingolfinger Kundgebung

So traten trotz der überregional verbreiteten Kenntnis über die politische Verortung der Deggendorfer „Corona-Rebellen“ am Samstag in Dingolfing unter anderem das Bundestagsmitglied für die AfD Stephan Protschka und Dr. Ronald Weikl aus Passau als Redner auf. Ersterer machte sogar als Vertreter einer extrem rechten Partei immer wieder Schlagzeilen wegen seiner Nähe zur extremen bis neonazistischen Rechten und letzterer sitzt im Vorstand des umstrittenen Vereins „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie, e.V.“ (MWGFD), dem just die Gemeinnützigkeit vom Finanzamt Passau entzogen wurde. Die Versammlungsleitung und Moderation übernahmen, wie sonst auch in Deggendorf und Plattling: Das ehemalige Mitglied des NPD-Bundesvorstands Ulrich Pätzold, sowie ein weiterer langjähriger Neonazi und ehem. Mitglied des im Jahr 2014 verbotenen „Freien Netz Süd“, Michael Kastner, der seitdem gerne im Umfeld der Neonazikleinstpartei „Der III. Weg“ anzutreffen ist. Außerdem, in die technische Leitung der Versammlung eingebunden, Michaela Haberkorn, die sich sonst gerne mit der Fahne der neonazistischen „Autonomen Nationalisten“ als solche zu erkennen gib. Sowie, als Ordnerin, die Deggendorfer „Corona Rebellen“-Aktivistin Sigena Fischer.

Weiterhin in die Programmgestaltung der Demonstration einbezogen war, so zeigen die verschiedenen Videos der Veranstaltung, eine Abordnung der Querdenker Landshut (Bernd Thomas Dreyer, Renate Kukral von querdenken-871). Sie traten als verkleidetes „Corona Tracing Team“ mit Seuchenschutzausrüstung auf und Renate Krukal engagierte sich außerdem als Stenzl-Sängerin mit der Quetsche am Redner:innen-Mikrofon der Demo. Diese Landshuter Delegation pflegten in der Vergangenheit bereits Verbindungen zum Organisationsteam der neonazistisch geprägten Deggendorfer “Anti-Corona“-Proteste. Auch die vermeintlich Grundgesetz-ergebene Renate Kukral von den Landshuter Querdenkern, welche sich öffentlich so gerne von jedem Extremismus und Gewalt distanzieren, aber zu jeder sich bietenden Gelegenheit mit ebensolchen Vertreter:innen auftreten, verkündete auf Telegram, dass es für sie vorrangig sei, „das ganze Regime zu stürzen“, denn nur wenn die Regierung falle, gebe es die Chance, dass die „Schlafenden erwachen“. Deshalb, so kündigt sie an, arbeite sie nun erst mal auf den Regimesturz hin. Dass dies dem Grundgesetz, welches das Logo ihrer Landshuter Organisation ziert, diametral entgegen steht, scheint den Landshuter:innen ebenso wenig aufzufallen, wie dass sie sich des öfteren mit Neonazis gemein machen, wenn sie etwa auf deren Versammlungen fröhlich die Fahnen neonazistischer Organisationen für die Kamera schwenken.

Inhalte und Besucher:innenspektrum der Dingolfinger Kundgebung

Die in Dingolfing von den verschiedenen Redner:innen und Moderator:innen vorgetragenen Inhalte waren, so weit den Videoschnipseln der Redebeiträge entnehmbar, vor allem geprägt von schnöden vermeintlich wissenschaftlichen Statistiken und Zahlen, welche die Sinnlosigkeit diverser Infektionsschutzmaßnahmen belegen sollten sowie populistischen Endzeitszenarien bis hin zu hetzerischen Aufrufen gegen „das System“, für den „Systemsturz“, gegen die „Misshandlung von Kindern durch Masken“ sowie gegen „die Diktatur der Sozialismus“ usw. Welches System sich die Redner:innen anstelle der Demokratie wünschen, lässt sich dank ihrer organisatorischen Eingebundenheit leicht erahnen.

Mit Blick auf den personellen Hintergrund der Plattlinger „Bewegung für Freiheit und Wandel“, welche die Dingolfinger Proteste ausrichtete, scheint wenig überraschend, dass am 24.10 auf dem Marienplatz die selben Akteur:innen aber auch Transparente, Schilder, Kostüme und Inhalte zu sehen waren wie sonst in Deggendorf (oder Plattling) bzw. allen von der selben Gruppe organisierten Versammlungen. Einige der sonst im Deggendorfer Demo-Orga-Team Aktive waren in Dingolfing jedoch mit den Kundgebungsutensilien unter die Besucher:innen gemischt anzutreffen. Darunter fand sich beispielsweise Anna O., die AfD-Anhängerin und Vertraute der AfD-Fraktionschefin im Bayerischen Landtag Katrin Ebner-Steiner (Deggendorf), welche zuletzt bei der Querdenken-Demo am 29.08 in Berlin mit dem Antisemiten und Holocaustleugner Nikolai Nerling posierte. Weiterhin jener AfD-Anhänger, welcher an fast jedem Infostand der Deggendorfer AfD gemeinsam mit Anna O. für die rechte Partei wirbt, jedoch vor allem dadurch Bekanntheit erlangte, dass er mit seiner lokalen Abgeordneten Katrin Ebner-Steiner und Anna O. gemeinsam auf einem „Corona Rebellen“-Protest posierte, während er einen angehefteten Judenstern trug und somit den Holocaust relativierte. Er engagierte sich in Dingolfing als Transparent-Halter, wiederum gemeinsam mit einem alten Bekannten aus dem Deggendorfer Demo-Orga-Kernteam, welcher ebenfalls am 29.08 in Berlin auffiel, als er mit seinen Deggendorfer Neonazikameraden im Kontext gewalttätiger Ausschreitungen gegen die Polizei in Erscheinung trat. Mit von der Partie zeigte sich in Berlin damals ebenfalls Michael Kastner, der anders als sein Kamerad Thomas Eginger (Deggendorf) einer Festnahme in Berlin knapp entkam.

Die Proteste der Deggendorfer Corona Rebellen sind regelmäßig wie selbstverständlich geprägt von der Zurschaustellung NS-Symbolik wie beispielsweise Schwarze Sonne oder SS-Runen Tattoos, „White Power“-Sprüche auf T-Shirts, dem Hitler-Konterfei auf einer Mund-Nasen-Schutzmaske oder Emblemen wie „Division Braunau“ oder „Regiment Deggendorf“ auf der Kleidung. Auch die Teilnahme hochrangiger Neonazi-Kader wie der Landesvorsitzenden des „Der III. Weg“ (Jasmin Eisenhardt) oder verurteilter Rechtsterroristen (Karl-Heinz Statzberger) usw. unter den 20-30 Teilnehmer:innen ist in Deggendorf keineswegs der Ausnahmefall.1 Deutlich anders zeigte sich dagegen das aus etwa 150-200 Personen bestehende Publikum in Dingolfing. Hier verzichteten selbst die anwesenden Neonazis auf eindeutige Symbolik, jedoch nicht darauf, auf bewährte Aktionsformen und Bildsprache aus dem extreme rechten Spektrum. zurück zu greifen. Alles in allem wirkte das Dingolfinger Demopublikum so einigermaßen bunt gemischt und als Querschnitt durch alle Altersgruppen. Rechte Symboliken oder Bekenntnisse zu rechten Organisationen, Kleidungslabels und Medien fanden sich jedoch auch hier vereinzelt und auffällig präsentiert.

Versammlungsauflagen und Umgehungsstrategien der Dingolfinger Corona Rebell:innen

Kreativer, aber ähnlich perfide zeigten sich die Organisator:innen und Teilnehmer:innen des Dingolfinger „Anti-Masken“-Protests in der Umgehung der in den Versammlungsauflagen festgelegten Maskenpflicht. An einem Tisch vor dem Demoredner:innen-Pult wurden Brezen an die Demoteilnehmer:innen ausgegeben, denn während des Essens ist die Maskenpflicht ausgesetzt. Demobesucher:innen welche sich nicht über die Dauer von zwei Stunden an einer Breze abarbeiten wollten, griffen auf Lutscher zurück, deren Verzehr sie über Stunden vom Masketragen entband. Besonders clever kam sich vermutlich auch eine Besucherin vor, die sich eine beige Feinstrumpfhose als Maske über das Gesicht gezogen hatte, oder der Demoordner, welcher aus seiner Einmalmaske die unteren Gewebeschichten entfernt hatte, sodass der Mundschutz sich auf eine transparente Lage Zellstoffs reduzierte.

Zusammenfassende Einordnung der Dingolfinger „Corona Rebellen“-Proteste

Es ist und bleibt letztlich absolut erschreckend, dass sich einem offenkundigen Neonaziprotest unter dem Deckmantel der Sorge um Corona-Einschränkungen auf einem Platz mit hunderten Besucher:innen lediglich ein kleiner tapferer antifaschistischer Gegenprotest entgegen stellt, während sogar die scheinbar völlig blauäugige Lokalpresse geradezu wohlwollende Worte zur Maskenkritik der „Corona Rebellen“-Versammlung findet. Dabei hätte ein kurzer Blick auf die Organisator:innen und prägenden Teilnehmer:innen des Protests gereicht, um deren Gesinnung und Motive erahnen und ihre „Systemkritik“ und Umsturzphantasien ideologisch einordnen zu können:

  • Michael Kastner: Langjähriger Neonazikader, zuletzt Anhänger des 2014 verbotenen „Freien Netz Süd“ und im Umfeld der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ aufgefallen, inzwischen im Kernteam der Deggendorfer „Corona Rebellen“ (In Dingolfing: Versammlungsleitung/Moderation)
  • Ulrich Pätzold: Ehem. Mitglied im NPD Bundesvorstand, Mitglied der „NPD-Burschenschaft“ p.B! Normannia Winterberg zu Passau, Anführer der Deggendorfer „Corona Rebellen“ (In Dingolfing: Versammlungsleitung/Moderation)
  • Michaela H.: Anmelderin von Plattlinger Versammlungen der Gruppe und Aktivistin im Kernteam der Deggendorfer „Corona Rebellen“, die sich mit der Flagge der neonazistischen „Autonome Nationalisten“ gerne auch mal als solche zu erkennen gibt (In Dingolfing: Technische Leitung)
  • Anna O.: Jugendliche AfD-Anhängerin, regelmäßig auf „Anti Corona“-Demos der extremen Rechten und an AfD-Infoständen in Deggendorf anzutreffen, posierte in Berlin mit dem Antisemiten und Holocaustleugner Nikolai Nerling („Der Volkslehrer“) und auch sonst gerne mit hochrangigen Funktionär:innen der extremen Rechten (Björn Höcke, Katrin Ebner-Steiner usw.) (In Dingolfing: Schild-Trägerin)
  • Sigena Fischer: Ehem. Lehrerin aus Deggendorf, Teil des Kernteams der Deggendorfer „Corona Rebellen“ (In Dingolfing: Ordnerin und Kamera)
  • Weitere Aktive der Deggendorfer „Corona Rebellen“: Jener AfD-Unterstützer im Rentenalter, welcher im Frühjahr des Jahrs auf einem Selfie mit Kartin Ebner-Steiner in Deggendorf einen ‚Judenstern‘ mit der Aufschrift „Ich bin ein Impfgegner“ angesteckt hatte und mit diesem Vergleich den Holocaust relativierte sowie sein Deggendorfer Kollege, welcher im Kontext einer Deggendorfer „Corona Rebellen“-Delegation auffiel, die bei der Querdenken-Demo in Berlin am 29.08.2020 mit gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Polizei für bundesweit beachtete Bilder sorgte (In Dingolfing: Transparent-Halter)2
  • Stephan Protschka, AfD Bundestagsabgeordneter: Stephan Protschka aus Mamming sitzt seit 2018 für die AfD im Bundestag. Noch 2014 schrieb er auf seinem Twitter-Profil, Bundeskanzlerin Angela Merkel plane einen „deutschen Völkermord“ sowie dass die EU nicht Europa, sondern „das 4. Reich“ sei. Nach seinem Amtsantritt im Bundestag wurde bekannt, dass er mehrere Rechtsextreme (Anhänger der „Identitären Bewegung“) in seinem Büro beschäftigte – distanzieren wollte er sich davon nicht. Im Novermber 2019 finanzierte er gemeinsam mit NPD– und AfD-Jugendorganisationen sowie der extrem rechten Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf/Passau einen umstrittenen Gedenkstein für NS-Mitglieder und faschistische Freikorps-Kämpfer in Polen. Dies zog einen diplomatischen Skandal nach sich, Historiker:innen forderten in einem offenen Brief deshalb seinen Rücktritt. Ungeachtet dessen verbreitete er kurz darauf ein Video über „Konzentrationslager“ für Deutsche (29.11.2019) und lässt auch ansonsten kaum einen rassistischen oder geschichtsklitternden Skandal aus. Seit Beginn der „Corona Krise“ tritt er als „Corona Rebell“ in Erscheinung, so auch schon bei den „Anti Corona“-Protesten in Dingolfing am 17.05.2020. Seinen Auftritt bei den neonazistisch geprägten Dingolfinger Protesten am 24.10 publizierte er stolz als Video auf seiner Facebookseite. Um wen es sich bei der Orga-Truppe handelt, schien er hingegen genau zu wissen, so suggerierte er in seinem Redebeitrag jedenfalls, dass er sich freue, dass die Deggendorfer nun endlich eine Veranstaltung hier in Dingolfing organisieren würden. (In Dingolfing: Redner)
  • Dr. Ronald (Ronny) Weikl (MWDFG e.V.): Weikl seitzt im Vorstand des pseudowissenschaftlichen Passauer Vereins „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“, der mit Verdacht auf Attestfälschungen und dubiose Spendeneinnahmen auf sich aufmerksam machte und dem kürzlich die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Der Verein versteht sich als wissenschaftliches Pendant zum Passauer „Corona Rebellen“-Verein „Für die Freiheit 2020“. Weikl sprach als Teil der Passauer „Corona Rebellen“ oft auf den Demos von „Für die Freiheit 2020“, in deren Demokernorgateam sich auch der lokale NPD-Vorsitzende Martin Gabling engagiert. (In Dingolfing: Redner)
  • Bernd Thomas Dreyer und Renate Kukral von Querdenken871 (Landshut): Dreyer und Kukral gelten als das Führungs-Duo der Landshuter Querdenke und betätigen sich auch überragional als Demo-Reisende und -Refent:innen. Sie traten bereits öfter in Kooperation mit den Deggendorder Neonazi-“Corona Rebellen“ auf. Mitglieder der Landshuter Querdenker-Delegation schwenkten dabei selber die Flagge der neonazistischen Autonomen Nationalist[:innen] erklären aber öffentlich, sich von Extremismus und Gewalt zu distanzieren. Auf Telegram träumt Kukral jedoch davon, endlich den Regierungs-/Systemsturz einzuleiten und auch Dreyer spart in seinen Telegram-Beiträgen nicht an verachtender, abwertender und gefährlicher Rhetorik. (In Dingolfing: Performance-“Kunst“ und Stenzl-“Gesang“)

1 Hinweis: Umfangreiche Dokumentationen der neonazistischen „Corona Rebellen“-Proteste in Deggendorf finden sich beispielsweise bei Thomas Witzgall/Endstation Rechts Bayern auf FlickR, im Magazin „der rechte rand“ oder als kurze Einordnung in der Halbjahresinformation 2020 des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

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